An meinem letzten Tag als Stipendiatin am Deutschen Institut für Japanforschung in Tōkyō werde ich vorerst den letzten Beitrag auf diesem Blog veröffentlichen, der einen Bezug zu meiner Forschung hat. Da ich noch ein paar Tage in Tōkyō bleibe, kann es gut sein, dass ein oder zwei weitere Beiträge hinzukommen, bevor es am 10.10. heißt: Bye bye, Tōkyō! Aber dann wird es nicht mehr um meine Forschung, sondern wahrscheinlich um Freizeitaktivitäten gehen, auf die ich mich schon sehr freue.

Nagasaka_Gedenkfeier1

In meinem letzten Beitrag habe ich einige meiner Eindrücke zur Friedenszeremonie in Hiroshima geschildert. Wie angekündigt hole ich in diesem Beitrag das gleiche für Nagasaki nach. Für diejenigen, die gerne noch einmal eine kleine Gedächtnisstütze hätten, verlinke ich hier die Tagesthemen-Sendung (ca. ab Minute 20) vom 09. August und ein japanisches Video, das etwas ausführlicher ist. Das offizielle zweisprachige Programmheft zur Gedenkfeier 2018 auf Japanisch/Englisch habe ich auch verlinkt.

IMG_8156

Wer die Programme beider Feiern miteinander vergleicht, merkt schnell, dass sie sich ziemlich ähneln. Ein Unterschied ist allerdings der „heiwa no chikai“ (Commitment to Peace oder Pledge for Peace). Während dieser in Hiroshima von Kindern (GründschülerInnen im 6. Jahr) vorgetragen wurde und als kindgerechter Aufruf für mehr Frieden in der Welt bezeichnet werden kann,  wurde der „heiwa no chikai“ in Nagasaki von Tanaka Terumi vorgetragen. Herr Tanaka ist ein inzwischen 86-jähriger hibakusha, der den Atombombenabwurf auf Nagasaki überlebte und den ich inzwischen auch persönlich kennenlernen durfte. In seiner sehr umsichtig formulierten Rede kritisierte er deutlich die japanische Regierung, die den ICAN Vertrag zum Verbot von Atomwaffen immer noch nicht unterschrieben hat. Ich bin vielen hibakusha begegnet, deren dringlichster Wunsch die Abschaffung von Atomwaffen ist und die sich ebenfalls kritisch gegenüber der japanischen Regierung äußern. Der Applaus nach seiner Rede viel dementsprechend auch recht lang und laut aus.

Es ist zwar zweifelsfrei wichtig, Kinder in Friedensarbeit mit einzubeziehen. Jedoch bezweifle ich, dass 11- bzw. 12-Jährige die Zusammenhänge zwischen den Atombombenabwürfen und Japans Atompolitik bzw. der Antiatombewegung verstehen, wobei ich hier sowohl Atomwaffen als auch Atomkraft meine. Und selbst wenn sie die Wichtigkeit begreifen, so fürche ich, dass sie sich schnell überfordert fühlen, wenn man von ihnen Engagement erwartet. Kinder in diesem Alter so zentrale Aufgaben wie das Vortragen des Friedensschwurs zu übertragen, macht auf mich daher immer den Eindruck, sie würden für rein politische Zwecke benutzt. Das Thema ist jedoch weitaus größer und beschränkt sich nicht nur auf oben genanntes Beispiel, weshalb ich an dieser Stelle nicht weiter drauf eingehe, sondern meine Gedanken so stehen lasse. Eventuell werde ich mich in meiner Dissertation ausführlicher mit diesem Thema befassen. Für Diskussionen stehe ich aber auch gerne jetzt schon zur Verfügung.

Im Nagasaki Programmheft sind ein paar mehr Programmpunkte zu finden als in dem von Hiroshima, weshalb die Gedenkfeier insgesamt auch länger war. Für die Besucher bedeutete das natürlich, länger in der Mittagshitze aushalten zu müssen. Denn da der Atombombenabwurf um 11:02 geschah (in Hiroshima war es 8:15 Uhr morgens) und die Gedenkfeier immer um diesen Zeitpunkt herum organisiert wird, machte uns die Mittagshitze zu schaffen. Einige Gäste verließen die Veranstaltung vor deren Ende, was man ihnen wirklich nicht verdenken kann.

coolpack

Genau wie in Hiroshima wurde sich allerdings sehr um das Wohl aller Anwesenden gekümmert. Auch in Nagasaki gab es Zelte und eine Sprenkleranlage, die kühlenden Dunst versprühte. Außerdem liefen unentwegt freiwillige HelferInnen durch die Stuhlreihen, um nasse und kühle Baumwolltücher oshibori, kaltes Wasser in 500ml-Flaschen und Einweg-Kühlpacks zu verteilen. Eine weitere Quelle der Abkühlung waren recht große Eisblöcke, die in Plastikwannen in regelmäßigen Abständen verteilt standen. Ich habe meine Armstulpen irgendwann ins Eiswasser getaucht, um meine Unterarme zu kühlen und einige oshibori um meine Waden gewickelt. Der Juckreiz war an diesem Tag wirklich extrem und trotzdem war ich vollends begeistert vom Einsatz all dieser freiwilligen HelferInnen, denen die Hitze schließlich auch ziemlich zugesetzt haben musste.

IMG_8146

Kaum war die Gedenkfeier zuende, wurde auch schon wieder abgebaut. Es war daher nicht wirklich möglich, neue Kontakte zu knüpfen oder sich auszutauschen. Die Hitze tat ihr Übriges und scheuchte alle Gäste in die nächstgelegenen Einrichtungen mit Klimaanlagen. Wie in Hiroshima gab es in Nagasaki abends auch eine Laternenveranstaltung. Die Nagasaki Laternen bestanden allerdings aus Wachs. Viele Schulklassen hatten Monate zuvor angefangen, sie zu bemalen oder zu beschriften. Diesmal verzichtete ich darauf, eine eigene Lampe zu gestalten. Ich schaffte es nicht einmal, mir das Spektakel anzuschauen, weil ich ziemich erschöpft den Rest des Tages im Bett verbrachte. Natürlich ist das sehr schade, denn wer weiß, wann oder ob ich es noch einmal zur Gedenkfeier nach Nagasaki schaffe. Ich denke aber immer noch, mich richtig entschieden zu haben.

Während der sieben Wochen, die seit den Gedenkfeiern vergangen sind, habe ich viele andere Erfahrungen machen dürfen. Beispielsweise habe ich einige sehr interessante Menschen interviewt, wie Tanaka Terumi, der sich trotz seines Alters 2,5 Stunden Zeit für mich nahm und mir einige hilfreiche Informationen geben konnte. Das Interview, das ich mit ihm führte, ist wahrscheinlich das letzte Interview vor meiner Rückreise gewesen. Es hat mir allerdings sehr stark verdeutlicht, wie wenig Zeit wir noch mit Überlebenden der Atombombenabwürfen verbringen werden. Das Durschnittsalter der hibakusha beträgt inzwischen 82 Jahre. Während sich viele eine Welt ohne diese Zeitzeugen nicht vorstellen wollen, bebschäftigen sich andere mit der Frage nach dem Erhalt ihrer Erinnerungen. Ein bemerkenswertes Projekt ist die Serie digitaler Archive, die unter der Leitung von Professor Watanabe Hidenori entstanden sind. Ich kann jeden Interessierten nur motivieren, sich einmal durch so ein Archiv zu klicken und sich einige Berichte der Zeitzeugen anzuschauen bzw. durchzulesen:

Nagasaki Archive

Hiroshima Archive

Advertisements