Die letzten paar Wochen in Tōkyō vergehen wie im Flug, weshalb ich es kaum glauben kann, dass die Gedenkfeiern in Hiroshima und Nagasaki schon über einen Monat zurückliegen und ich immer noch keinen Blogbeitrag dazu verfasst habe. Das wird nun schleunigst nachgeholt. In chronologischer Reihenfolge werde ich hier zunächst Hiroshima behandeln und einen separaten Beitrag zu Nagasaki verfassen, weil es sonst ein viel zu langer Text wird.

Drehen wir die Zeit also für einen kurzen Moment um ca. einen Monat zurück und erinnern uns vielleicht noch kurz an die Berichterstattung der Tagesschau am 06. August zu Hiroshima. Während deutsche Medien die Berichterstattung der Veranstaltungen i.d.R. auf wenige Sekunden kürzen, werden in Japan die Gedenkfeiern fast in ganzer Länge ausgestrahlt. Wer einen etwas besseren Eindruck von der Gedenkfeier in Hiroshima gewinnen will, kann hier vorbeischauen.

Bevor ich ins Detail gehe, möchte ich eins vorwegnehmen: einen Tag vor meiner Reise nach Hiroshima entwickelte ich eine Hautallergie, die während der Reise immer schlimmer wurde. Weil es unglaublich heiß war, dachte ich zunächst, es handele sich um eine Sonnenallergie. Doch der Sonne fernzubleiben half nichts, weshalb ich in Nagasaki zum Hautarzt ging. Ich bekam Cortison und natürlich wurden die Symptome besser. Aber ich war doch stark eingeschränkt und konnte bei Weitem nicht alles mitmachen und anschauen, was die Rahmenprogramme der beiden Tage zu bieten hatten. Ich werde aus diesem Grund zu Hiroshima auch etwas mehr schreiben, als zu Nagasaki, wo ich die meiste Zeit drinnen blieb, um mich auszuruhen.

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Vorbereitungen am 05.06.2018 im Friedenspark.

Hiroshima ist nicht nur die größere Stadt, rund um das Thema Atombombe wird auch ein deutlich größerer Aufwand betrieben. Auch die Lage der Friedensanlage trägt dazu bei, dass die Atombombe fest zum Stadtimage gehört. Das Friedensmuseum und der Atombombendom befinden sich in der Innenstadt. Innerhalb weniger Gehminuten kommt man von den Shoppingmeilen zum Mahnmal. Die von Tange Kenzo entworfene Friedensanlage verbindet zudem die wichtigsten Gebäude: das Museum und der Atombombendom sind durch eine Linie miteinander verbunden, die sich einmal mitten durch den Friedenspark zieht. Es handelt sich hierbei übrigens um eine tatsächliche, in den Boden eingelassen Linie.

Nicht nur, weil die erste Atombombe der Welt auf Hiroshima fiel oder weil sie deutlich mehr Menschen tötete als in Nagasaki, sondern auch weil die Stadtverwaltung den Wiederaufbau im Zeichen des Friedens, d.h. mit einer Antiatombomben-Haltung gestaltete, ist Hiroshima auch international stärker als Atombombenstadt in den Köpfen der meisten Menschen verankert. Der imposante Atombombendom und gleichzeitiges Wahrzeichen der Stadt tut sein übriges, dieses Image zu verstärken.

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Programmheft mit einem Blatt Origamipapier, um einen Kranich zu falten.

Das bedeutet auch, dass die Feier sehr viel größer war als in Nagasaki. Es gab deutlich mehr BesucherInnen – darunter auch sehr viele Touristen. Außerdem nutzten viele Aktivisten und Vereine die Möglichkeit, sich im Friedenspark zu präsentieren. Die Zeremonie war dafür etwas kürzer. Nach ca. 50 Minuten waren alle Programmpunkte abgearbeitet. Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass sich beeilt wurde. Es gab generell einfach weniger Programmpunkte, was natürlich auch heißt, dass weniger Menschen involviert waren. Wie die Zeremonie ablief, ist recht langweilig zu schildern. Ich habe neulich erst meine Beobachtungsnotizen abgetippt und überprüfen können, dass japanisches Zeitmanagement einfach perfekt ist. Es wurde sich minutiös an den Zeitplan gehalten. Inhaltliche Abweichungen gab es natürlich auch keine. Für Interessierte habe ich hier das Programmheft verlinkt.

oshibori.JPGNach einer kurzen Erfrischung mit bereitgestellten kalten Handtüchern oshibori und Wasser – an diesem Service sollte man sich in Deutschland wirklich mal ein Vorbild nehmen -, nahm ich nachmittags an zwei hibakusha talks teil, die ich spannend fand. In ca. einer Stunde erzählten die Zeitzeugen von ihren Erlebnissen, wobei sich die Struktur der Vorträge ähnelte: zuerst wird die geographischen Lage Hiroshimas beschrieben, dann werden ein paar Infos zum Krieg gegeben – mal mehr mal weniger ausführlich – darauf folgt das Schildern der eigenen Erfahrung und zuletzt gibt es einen Appell an alle Zuhörenden, die Geschichte weiterzuerzählen und sich für Frieden bzw. gegen Atomwaffen einzusetzen. Meistens ist das Niveau der Präsentationen auf Mittel- oder Oberschülerkenntnisse angepasst. Das heißt aber nicht, dass die Schilderungen beschönigt werden. Besonders die Art und Weise, wie Kajimoto Yoshiko ihre Geschichte erzählte war mehr als nur beeindruckend. Mit ihren klaren und harten Worten brachte sie einen beachtlichen Teil aller Anwesenden zum Weinen, Frauen sowie Männer. Ich war zum Glück damit abgelenkt, Notizen meiner Beobachtungen zu machen. Sonst wären mir vermutlich auch die Tränen gelaufen. In solchen Situationen merke ich immer, wie schwer es ist, Emotionen und Forschung voneinander zu trennen.

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Nach den beiden Vorträgen war eine Pause dringend nötig. Zu den emotional anstrengenden talks kamen schließlich noch die Hitze und meine Allergie hinzu. Nach einer ausgiebigen Stärkung machte ich mich erst am frühen Abend wieder auf den Weg zum Friedenspark. Ich wollte auf keinen Fall die Laternen verpassen. Schließlich hatte ich extra Kamera und Stativ dafür eingepackt, die ich den ganzen Tag schon mit mir herumtrug. Meine eigene Laterne hatte ich schon beschrieben und im Rucksack. Ich wollte sie später selbst zum Flussufer bringen. Nur war die Schlange so unglaublich lang, dass ich das dann doch einfach den freiwilligen Helfern überlassen habe. Die Papierlaternen dem Fluss zu übergeben ist inzwischen zu einem touristischen Event geworden, das auch sehr gerne von Hobbyfotografen genutzt wird, um ihr Equipment zu testen. Es geht dabei weniger um stilles Gedenken der Opfer. Zumindest hat die Atmosphäre so auf mich gewirkt. Auch ich wollte diesen Abend keine Beobachtungsnotizen mehr schreiben, sondern einfach die Gelegenheit nutzen, ein paar Fotos zu schießen. Es war wirklich nicht leicht, a) mir einen Platz zu erkämpfen und b) auch gute Fotos hinzubekommen. Das gesamte Ufer war bereits von Kameramenschen gesäumt, bevor ich ankam bzw. bevor die ersten Laternen der Flusströmung übergeben wurden. Außerdem war die Strömung an diesem Tag sehr stark, weshalb etliche Laternen einfach umkippten und untergingen und Langzeitbelichtungen zur Herausforderung wurden. Sogar einige Helfer in Neoprenanzügen wurden eingesetzt, die Laternen vom Ufer weg und weiter zur Flussmitte zu treiben. Ich habe trotzdem ein paar schöne Fotos schießen können, auf die ich als Anfänger ein wenig stolz bin.

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