UnibuildingDas sogenannte 「被爆者の声をうけつぐ映画祭」(in etwa: „Filmfest zur Überlieferung von hibakusha-Stimmen“) fand letztes Wochenende zum 12. Mal statt. Da ich keinen einzigen der auf dem Programm stehenden Filme kannte und ich hoffte, einige neue Kontakte knüpfen zu können, verbrachte ich das gesamte Wochenende also an der Musashi Universität in Tōkyō. Im Prinzip bin ich nur zum Schlafen nach Hause gefahren, weil ich an beiden Tagen von Anfang bis Ende, also von 10 bis ca. 20 Uhr teilnahm.

SymposiumMit dem Networking musste ich zwar bis zum Ende der Veranstaltung am Sonntag warten, weil alle Helfer im absoluten Verkaufsmodus waren. D.h. sobald ich Interesse zeigte, wurden mir drei, vier Zeitschriften und/oder DVDs angeboten, die ich aber alle nicht haben wollte. Erst nach dem Abschlusssymposium gelang es mir noch, zwei Visitenkarten zu ergattern. Seit meinem Aufenthalt in Nagasaki habe ich meine Visitenkarten zum Glück immer dabei. Im Alltag ist das zwar meistens überflüssig aber so kann ich sie nicht vergessen, wenn’s drauf ankommt. Von den hundert Visitenkarten, die ich anfangs bekommen habe, bin ich inzwischen auch bestimmt schon die Hälfte losgeworden. Dass Japan das Visitenkartenland schlecht hin ist, wusste ich ja. Aber es dann selbst zu erfahren, ist noch einmal etwas anderes.

Weil ich am Freitagabend vorm Filmfest über Skype im Kölner Doktorandenkolloquium noch meinen aktuellen Stand der Dinge vorstellen wollte, kam ich nicht wirklich dazu, mir das Filmprogramm im Detail anzuschauen. So entgingen mir zwei Dinge, die mich vielleicht ein wenig verpeilt erschienen ließen: Der Film, den ich am ästhetisch gelungensten fand und auch gerne auf DVD hätte, kommt erst nächsten Monat raus. Ich hatte das aber wenigstens schnell im Internet recherchiert, bevor ich die Verkaufstandbetreuer vergebens nach dem Film ausfragte. Ich meine die Dokumentation „Paper Lanterns„, die zum Buch 「原爆で死んだ米兵秘史」(„Die geheime Geschichte der amerikanischen Soldaten, die durch die Atombombe starben“) vom Autor Mori Shigeaki 森重昭 produziert wurde. Der Film wurde nicht von Mori produziert, sondern von einem amerikanischen Team, weshalb die Doku auf Englisch ist. Man kann sie auf Amazon.com jetzt schon vorbestellen. Meiner Meinung nach ist es eine sehr gelungene Dokumentation, die es sich lohnt, anzuschauen. Wie der Buchtitel erahnen lässt, geht es um 12 Soldaten, die durch die Atombombe von Hiroshima starben. Nach intensiver Recherche gelang es dem Historiker Mori, die Namen der Soldaten herauszufinden und die Hinterbliebenen zu kontaktieren. Mit seinem Buch leistet Mori einen wichtigen Beitrag zum japanisch-amerikanischen Nachkriegsdiskurs, in dem diese Geschichte sonst nie eine Rolle gespielt hätte.

MenschenmengeDas Zweite, was mir entging, war der Besuch der in Japan ziemlich bekannten Schauspielerin Yoshinaga Sayuri. Ich wunderte mich zwar über den Ansturm an Besuchern, dachte mir jedoch nichts weiter dabei. Dass Yoshinaga so bekannt ist, erfuhr ich auch erst hinterher. Mich interessierte die Schauspielern eher weniger. Das Gespräch zwischen der Yoshinaga und der Regisseurin Miyazaki Nobue 宮崎信恵 vorm Filmscreening war für mich ebenfalls eher langweilig. Auch der Film 「死と愛の記録」(„Chroniken von Tod und Liebe“), in dem Yoshinaga die Hauptrolle spielt, war zwar interessant, jedoch an einigen Stellen einfach ziemlich kitschig. Trotzdem war genau diese Filmvorführung ein kleines Highlight für mich, weil nicht wie bei den anderen Filmen DVDs oder Blu-Rays verwendet wurden, sondern richtige Filmrollen. Das leise ratternde Geräusch der Projektoren hört man heutzutage so selten live. Wenn dann noch der Wechsel der Rollen nicht einwandfrei klappt oder zwischendurch der Ton weg ist, kann man sich ganz gut vorstellen, wie die eigenen Eltern und Großeltern Kino erlebt haben. Obwohl ich selbst mit dem digitalen Kino großgeworden bin, war dieses Nostalgiegefühl irgendwie da. Ich glaube, dass mir das sogar am allerbesten gefallen hat.

Projektoren

 

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